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22.01.2005

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Mennoniten in Westpreussen


von Dietrich Tissen

Als Westpreussen bezeichnet man den Teil des Gebietes des Deutschen Ordens der 1466 unter die polnische Herrschaft kam. In dieser Zeit nannte man es auch als königlich oder polnisch Preussen, im Gegensatz zu herzoglich Preussen dem übrig gebliebenen Teil des Ordensgebiets. Dem Verlust Westpreussens war der Abfall der Städte wie Danzig, Elbung und Thorn vom Deutschen Orden vorausgegangen, so dass diese mit dem polnischen König einen hohen Grad an Autonomie vereinbaren konnten. Während der langen Kriege zwischen Polen und dem Deutschem Orden, zuletzt 1519-1521, wurde die Landschaft stark verwüstet. Das war insbesondere für die Niederungen in der Weichsel-Nogat-Delta von Bedeutung, sie konnten nur dann landwirschaftlich genutzt werden wenn Deiche gebaut wurden. In den Kriegen sind die vorher vorhandenen Deiche zerstört oder nicht mehr genügend gepflegt worden. Hinzu kamen mehrere Pestepidemien, was sich wiederum auf den Deichbau auswirkte, da weniger Menschen vorhanden waren um diese zu bauen. So versumpfte die Landschaft. Da der polnische König in ständigen Geldnöten war, verpfändete oder verkaufte er große Gebiete in Westpreussen an verschiedene Personen. Die Städte Danzig und Elbing und die neuen und alten Grundbesitzer waren stark daran interessiert die Sumpfgebiete in der Weichsel-Nogat-Delta wieder zu kultivieren, da kamen ihnen die mennonischen Flüchtlinge aus Friesland gerade recht.


Marienburg

Die Friesen (aus dem gesamten friesischem Gebiet, Dreierfriesland genannt, also aus Ostfriesland, Friesland und Groninger Land) und Flamen hatten jahrhundertelange Erfahrungen im Deichbau und Entwässerung. Diese Kenntnisse konnten sie nun in Westpreussen anwenden. Als erster hat wohl der Bischof von Leskau die Mennoniten auf seinen Ländereien angesiedelt. Dabei hat er wohl in erster Linie aus wirtschaftlichen Gründen gehandelt, da er später auch Juden ansiedelte. Obwohl die Mennoniten wegen ihres Glaubens überall verfolgt wurden und der polnische König streng katholisch war, hat man die Mennoniten ins Land geholt. Wie sich schnell zeigte, konnten die Grundbesitzer hohe Profite erzielen, wenn sie ihr Land an die Mennoniten verpachteten. So breiteten sich die Mennoniten sehr bald in dem Danziger Werder, Niederung westlich der Weichsel, und dem Marienburger Werder, Gebiet zwischen der Weichsel und der Nogat, aus. Die Erschließung des sumpfigen Landes war sehr mühsam. Durch die schwere Erdarbeit und Krankheiten sind von der ersten Generation 80 % gestorben. Die Mennoniten sind nur deshalb nicht ausgestorben da immer neue Flüchtlinge dazukamen. Aus dieser Zeit stammt das mennonitische Sprichwort: "Die erste Generation hatte den Tod, die zweite die Not und nur die dritte das Brot".


Wann die ersten Mennoniten genau nach Westpreussen gekommen sind ist nicht genau bekannt. 1549 gab es jedenfalls genügend viele um in mehreren Gemeinden organisiert zu sein. In diesem Jahr schrieb Menno Simons, der eine Weile dort gewirkt hat, einen Brief addressiert an die dortigen Kirchen. Sein Nachfolger als Leiter der Gemeinden im Weichsel-Nogat-Delta war, bis zu seiner Rückkehr nach Emden 1568, Dirk Philips, der engste Mitarbeiter von Menno Simons.

Durch die spätere Namensforschung unter den westpreussischen Mennoniten weiß man dass die Siedler vor allem aus dem Norddeutsch-Niederländischem Raum kamen. Eine starke Welle der Flüchtlinge kam in den Jahren 1562-1573 aus den Niederlanden ins Land als es Verfolgungen aller Nichtkatholiken durch die Spanier gab. Es muss aber auch Flüchtlige aus der Schweiz und Oberdeutschland gegeben haben. Insbesondere die Siedlungen weiter landwärts, in der Nähe von Kulm, müssen eine grossen Anteil oberdeutscher und morawischer Flüchtlinge aufgenommen haben.

Es kamen aber nicht nur Bauern nach Westpreussen - in den Städten versuchten auch Kaufleute und Handwerker sich nieder zu lassen. Aus Furcht vor der Konkurenz verbat die Stadtobrigkeit die Ansiedlung von Mennoniten innerhalb der Stadtmauern. Einzelne Personen haben es aber trotzdem geschaft, insbesondere wenn ihre Fähigkeiten, z.B. bei den Seidengeschäften, gebraucht wurden. Sonst blieb nur der Ausweg sich in den Vorstädten, wie z.B. Alt-Schottland, Schidlitz und Stolzenberg bei Danzig, niederzulassen. Im Laufe der Zeit lebten in Danzig genügend Leute um dort Gemeinden zu organisieren: das erste mennonitische Bethaus innerhalb der Stadtmauern wurde 1648 gebaut. Die mennonitische Bevölkerung in Danzig und Umgebung erreichte auf ihrem Höhepunkt im 17. Jahrhundert über 1000 Personen.

Die Kaufleute kamen vor allem aus den niederländischen Großstädten wie Amsterdam, viele sind später in die Niederlande zurückgekehrt. Es bestanden sowieso sehr enge Handelsbeziehungen zwischen Amsterdam und Danzig. Danzig war im 16. und 17. Jahrhundert der Hauptausfuhrhafen für polnisches Getreide, die Hauptkäufer waren wiederum die holländischen Kaufleute aus Amsterdam. Interessant sind auch die engen Verbindungen zwischen den mennonitischen Gemeinden in Westpreussen und in den Niederlanden. Eine umfangreiche Korrespondenz ist in den niederländischen Archiven erhalten geblieben. Man erfährt immer wieder von der Unterstützung der Niederländer für ihre Glaubensgenossen in Westpreussen.

Was den Mennoniten in Westpreussen vor allem zu Gute kame, war eine gewisse Zersplitterung im religiösem und administrativen Bereich. Es gab zwei konkurierende Kirchen, die lutheranische und die katholische, die Mennoniten konnten dann bei einer der Beiden Schutz aushandeln, natürlich für Geld, sie mussten dann die Pfarreien bezahlen. Zum anderen war die Macht des polnischen Königs relativ schwach, die Grundbesitzer und die Städte waren mehr oder weniger autonom. Obwohl es also schon von Anfang an Versuche gab, die Mennoniten wieder zu vertreiben, gab es immer Leute die von den Mennoniten profitierten und sie deshalb unterstützten.

Wie schon erwähnt muss der Hauptanteil der Siedler aus dem friesischem und flämischen Bereich stammen, diese hatten in ihrer Heimat ein niederdeutsches Dialekt gesprochen. Sie haben deshalb in Westpreussen, insbesondere auf dem Land, ziemlich schnell den dortigen, sehr ähnlichen, Dialekt als Umgangsprache übernommen. Im Gottesdienst und auf dem schriftlichem Gebiet haben die westpreussischen Mennoniten aber sehr lange am Holländischem festgehalten.

Schon aus ihrer vorherigen Heimat haben die Mennoniten die Aufteilung in friesische und flämische Kirchengemeinden mitgebracht. Die Namen deuten wohl auf die urprünglichen Mitglieder - die Friesen und die Flamen - es sind aber in jeder Gruppe Vertretter beider Stämme. Beide Gruppen haben sich streng voneinander geschieden, so war z.B. die Heirat zwischen den Angehörigen der beiden Gemeinschaften untersagt. Die Unterschiede haben erst Ende des18. Jahrhunderts angefangen sich zu verwischen.

In religiöser Hinsicht wurden die Mennoniten nur geduldet, insbesondere durften sie keine Mission unter der benachbarter Bevölkerung betreiben. Auch durften sie in ersten Zeit keine Kirchen bauen, sie mussten sich dann zu Gottesdiensten in Privathäusern versammeln. Die Gottesdienste mussten so abgehalten werden, dass sie bei Aussenstehenden kein Aufsehen erregten. Bezüglich Wehrdienstbefreiung gab es bis Mitte des 18. Jahrhunderts keine Probleme: Befreiungen vom Militärdienst für Ansiedler in dünnbesiedelten Gegenden waren damals in Europa üblich. In Notzeiten, wie z.B. bei der Belagerung von Danzig durch Schweden 1734, mussten auch Mennoniten ihren Beitrag leisten: entweder durch Geldspenden oder durch Nichtkämpfenderdienste. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts mussten dann alle Mennoniten für die Privilegien, die sie geniessen durften, eine besondere Steuer bezahlen.

In Westpreussen haben sich auch die religiösen und sozialen Strukturen herausgebildet, die später nach Russland gebracht wurden. Die Gemeinschaft der Mennoniten wird nicht zentral organisiert, sondern ist in Kongregationen aufgeteilt, wobei es in Westpreussen flämische und friesische Kongregationen gab. Jede Kongregation ist selbstständig und wird von einem Ältesten geleitet. Diese sind etwa den Bischöfen vergleichbar, bei den amerikanischen Mennoniten werden diese auch so - also bishop - genannt. Der Älteste konnte theoretisch jeder werden, man brauchte dazu keine besondere theologische Ausbildung. Da sie aber nicht bezahlt wurden, konnten es sich nur Wohlhabende leisten Ältester zu werden. Dann gab es noch die Prediger und die Diakone. Genauso wie Älteste wurden auch diese von der Gemeinde gewählt und für ihre Dienste nicht bezahlt, es galt als der "Ehrsame Dienst". Als gewählten Posten gab es noch den Vorsänger.

Die Ältesten wurden auf Lebenszeit gewählt ( sie konnten nur bei grossen Verfehlungen abgesetzt werden ) und verfügten über grosse Macht über die von ihnen beaufsichtigten Gemeindemitglieder. Die Prediger achteten auf moralische Lebensführung der Gemeindemitglieder. So verhängten sie bei Übertritten von religiösen Vorschriften, wie z.B bezüglich Glückspiel und Tanzen, Strafen. Auch wurde die körperliche Züchtigung der Diener bestraft. Alle sozialen Verpflichtungen wie z.B.Bezahlen von Steuern musste jeder Mitglied erfüllen. Desweiteren gab es gewisse Kleidungsvorschriften, wobei es sich hierbei einfach um eine konservative Haltung gegenüber Kleidermoden handelt. Als Strafe konnten junge Leute nicht in die Gemeinde aufgenommen werden, was bei den Mennoniten durch die Taufe geschieht. Eine sehr harte Strafe war die "Meidung": den Gemeindemitgliedern wurde jeglicher sozialer Umgang mit den davon Betroffenen verboten. Die Mennoniten sorgten für ihre Armen und Kranken selbst. So gab es in jeder grösseren Gemeinde ein Waisenheim und ein Krankenhaus. Diese Institutionen wurden später nach Russland und von dort aus nach Amerika mitgenommen.

Die Situation hat sich dann stark verändert als Westpreussen im Zuge der polnischen Teilungen 1772 und 1792 unter die preussische Herrschaft kam. 1776 wurde wahrscheinlich im Zusammenhang damit eine Volkszählung in Westpreussen durchgeführt (1776 Census of Mennonites in West Prussia auf der MMHS-Seite, sehr interessant für Ahnenforscher). Danach lebten in Westpreussen (ohne Danzig, Danziger Nehrung, Thorn und Neumark Gebiete, diese gehörten damals noch nicht zu Preussen) 12.182 Mennoniten. Von 1740 bis 1786 war Friedrich der Grosse der preussische König. Zwar konnte er den Mennoniten die komplette religiöse Freiheit garantieren. Die Befreiung von Militärdienst war aber eine andere Sache. Gerade in dieser Zeit versuchte Friedrich der Grosse Preussen zu einer Grossmacht zu führen, dazu brauchte er eine starke Armee, deshalb konnte er nicht gleichgültig gegenüber der Einschränkung des Rekrutierungspotentials sein. Der Militärdienst war sehr unpopulär, die Leute mussten in die Armee "gepresst" werden. Deshalb war die Existenz einer priviligierter, wohlhabender, vom Militärdienst ausgenommener Bevölkerung, problematisch. Aber der König entschied, dass das Geld für seine Vorhaben genauso wichtig war wie die Soldaten. 1780 garantierte Friedrich den Mennoniten komplette religiöse Freiheit und Befreiung von Wehrdienst. Dafür mussten die Mennoniten jährlich fünf Tausend Thaler für den Unterhalt der Militärakademie in Kulm zahlen. 1774 wurde ein folgenschweres Gesetz erlassen: die Mennoniten durften weiteres Land nur mir der Genehmigung des Königs erwerben. Friedrich selbst war in dieser Hinsicht aber nicht so streng: die Mennoniten konnten ihren Besitz weiter vermehren. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II. war aber nicht so flexibel und tolerant. 1789 wurden die Bedingungen für den Erwerb von neuem Land durch Mennoniten von Nicht-Mennoniten weiter erschwert.

Da die Mennoniten sehr kinderreiche Familien haben, hatten sie sich stark vermehrt und waren deshalb auf neues Land angewiesen. Zwar konnten die Mennoniten nun ihre Religion frei ausüben und auch neues Land erwerben, wofür sie aber ihre Ablehnung gegenüber dem Wehrdienst aufgeben mussten. Als dann die Einladung nach Russland von der russischen Zarin Katharina II. kam, wurde sie deshalb erst von den armen Landlosen, später auch von den Wohlhabenden angenommen (die genauen Gründe werden in einem eigenen Artikel behandelt). Bis in die 1860-er fand dann ein stetiger Zuzug nach Russland statt. Die weitere Entwicklung in Westpreussen ist im Rahmen unseres Projekts nicht so relevant. Die Verbliebenen passten sich den Veränderungen an, nach der Einführung der Wehrpflicht im Deutschen Reich durften sie einen Ersatzdienst leisten. Nach dem 2. Weltkrieg sind alle Mennoniten aus Westpreussen geflohen, somit existieren heute dort keine mennonitischen Gemeinden mehr.

Hauptquelle: "The Story of The Mennonites" von C.Henry Smith