English versionPlautdietsche Version Von Dietrich Tissen und Nikolaj Tissen
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zuletzt bearbeitet
06.02.2005

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Diese Texte wurden uns von Dolores Reimer aus Kanada zur Verfügung gestellt. Der erste wurde 1993 von Reinhard Len Hiebert aufgeschrieben und berichtet von der Reise ihrer Großeltern nach Kanada. Der andere ist aus den Memoiren von Gerhard Peter Reimer "93 years of God's Guidance" entnommen. Gerhard Reimer war der Bruder von Dolores Reimer's Großvater Johann P. Reimer. Kursive Stellen sind von Dietrich Tissen.



Unsere Eltern trafen die Entscheidung Russland zu verlassen und nach Kanada auszuwandern. So, wurden im Oktober 1924 unsere Familie, und die Familie von Johann Reimer mit ihren Habseligkeiten auf einen von Pferden gezogene Wagen aufgeladen und wir verließen unser Dorf Podolsk.  Wir fuhren zum Bahnhof in Sorotschinsk und wurden dort auf ein Güterwagon aufgeladen. Es gab ein oberes und ein unteres Deck. Wir besetzten an einem Wagonende von jedem die Hälfte. (Insgesamt reisten vier Familien in einem Wagon). Helene Hiebert war 6 Wochen alt und Maria Reimer war in etwa demselben Alter.

Nachdem wir Sorotschinsk am Abend verließen, hielt der Zug am nächsten Morgen in Kujbyschew an (ein Anachronismus da die Stadt bis 1935 Samara hieß und auch heute wieder so heißt). Vater und Onkel Johann gingen in die Stadt um Kalatschi (ringförmiges Brot, im englischen Original doughnuts, es müssen aber Kalatschi gemeint sein) für unser Mahl zu kaufen. (Sie wurden zu 10 Stück auf einer Schnur verkauft). Sie konnten keine finden und kehrten deshalb zurück mit einem großem Laib von russischem Brot. Onkel Johann war sehr aufgeregt über diese Reise. Ich war es auch. Die Nacht, als wir den Fluss Wolga überquerten sagte er, "Alle die den Fluss Wolga sehen wollen kommt zur Tür". So ging ich zur Tür. Während er sie aufhielt sah ich mir die Spiegelungen des hellen Mondlichts auf dem Wasser an. Es war wirklich aufregend. Dieser Zug nahm uns mit bis Moskau, wo wir für eine Nacht Halt machten, dann setzten wir die Reise bis Riga, Lettland fort. Die Reise mit dem Zug dauerte etwa 4 Tage.

Wir waren in Riga für 2 oder 3 Tage. Wir blieben dort in einer Kaserne. Wir mussten durch eine Sauna gehen, während unsere Kleider gegen Läuse desinfiziert wurden. ( So weit ich weiß hatte keiner von uns Läuse). Endlich kamen wir an Board eines Schiffes, die "Melita", Deutschland, das Schiff brachte uns über die Ostsee, durch den Kiel Kanal in Norddeutschland, und über die Nordsee nach London, England. Kiel war ein besonders schöner Hafen, weil die Landschaft so grün war. Das Schiff hielt dort an, um Kohle aufzuladen, sie wurde durch den Rauchschlot herunter gerieselt. Während das Schiff angedockt war kamen Händler an Board, um Äpfel zu verkaufen. Wir konnten uns keine kaufen, da wir kein Geld hatten. Als wir den Hafen verließen, passierten wir unterhalb einer Eisenbahnbrücke, gerade als ein Zug diese überkehrte. Es war eine hohe Brücke aber wir hatten Angst, dass der Schiffsmast sie treffen würde. Er blieb aber klar drunter. Als wir in die Nordsee einliefen sahen wir eine ganze Flotte von Fischereibooten. Es hat einen Tag gedauert den Kanal zu durchkehren.

London war eine ganz andere Welt. Wie aufregend war es die Neonreklamen auf und ab flackern zu sehen, die Straßenbeleuchtung und die Autos. Wir kamen am Abend an and wurden vom Schiff mit Taxen abgeholt. Wir wurden zu einem Bahnhof mitgenommen, wo ein  Zug wartete, um uns nach Southampton zu bringen, wo wir ein paar Tage blieben. Wir kamen wieder an Board eines Schiffes, die "Empress of Scottland". Es war ein großes, schönes Schiff, das uns in sieben Tagen über den Atlantik nach Quebec brachte, wo wir einen Zug nach Rosthern, Saskatchewan nahmen. Während der Überquerung wurde fast jeder seekrank. (Glücklicherweise ich nicht). Es war ein großes Abenteuer auf dem Schiff zu wandern und unter das Deck zu gehen, um sich die Motoren an zu schauen, welche die Kohle verbrannten. Wir kamen am 18. November 1924 an.

Die Mennonitische Kommission für Einwanderung (Mennonite Board of Emigration) suchte nach Plätzen, um die ankommenden Emigranten, vorübergehend in mennonitischen Häusern unterzubringen. Später fand sie Farmen, um die Leute dort anzusiedeln. Wir kamen auf eine Farm in Elstow. Die Reimers kamen auf eine Farm in Colonsay. Hier blieben wir und bewirtschafteten die Farm ein paar Jahre. 1925 emigrierten unsere Großmutter, Helena Janzen und ihr jüngster Sohn Kornelius mit seiner Familie nach Kanada und siedelten im Colonsay Gebiet an. Das Leben war schwer und hart in diesen ersten paar Jahren in Kanada. Die Reimers und die Familie von Kornelius Janzen verließen Colonsay um 1930 und gingen nach Osage im südlichen Saskatchewan, um dort Farmen zu betreiben. Es war hier, als Onkel Kornelius' Frau Tina starb. Der 6 Monate alte Sohn starb ebenfalls. Onkel Kornelius sagte, dass sich die Heilsarmee um die Beerdigung sorgte. Zu dieser Zeit setzte die landesweite Depression ein. Die Zeiten waren schwer. So nahmen die Reimers und die Janzens die Homestead Farmen im Speedwell Distrikt nördlich von Fairholme.

Ich wünsche nun ein paar Worte über den Nachbar unseres Großvaters zu sagen, dessen Name Jakob Wieler war. Er kaufte sich sein Land vom Großvater, wie es mir Maria (Wieler) Quapp erzählte, und sie bauten ein schönes Haus darauf. Herr Wieler war ein Prediger. Er traute unsere Mutter und Vater, aber auch Johann Reimer und seine Frau. In den frühen 20-ern, haben die kommunistischen Behörden nach ihm gesucht. Sie wollten ihn verhaften, er musste sich deshalb verstecken. Er kam zu meinem Onkel Johann Hiebert und sagte, "Du bist der einzige Mann der mir helfen kann." Mein Onkel war damit einverstanden ihm zu helfen. Er sagte, "Wir müssen deinen Bart abrasieren. Dann werden wir den Boden des Wagens mit Stroh bestreuen, Dich darin einbetten, und mit einer Decke bedecken. Wenn jemand wissen will was Du da tust, werde ich ihnen erzählen, dass Du krank bist." So fuhr er ihn bis zum Bahnhof in Sorotschinsk, setzte ihn dort in den Zug, so dass er fliehen konnte. Herr Wieler ist mit seiner Familie nach Kanada gekommen und sie lebten in Coaldale.



Russland kam in eine Zeit großer Unruhe und Bürgerkrieg. Viele Mennoniten sahen die Zeichen und versuchten auszuwandern. Mein Bruder Johann war schon nach Kanada gegangen. Gleich nach meinem Zusammenstoß mit der Polizei fuhr ich nach Moskau um eine Erlaubnis zu bekommen meinen Bruder in Kanada besuchen zu können. Es hat fünf Monate gedauert bis wir die Erlaubnis zum verlassen bekamen. Das war 1926. Erst fuhren wir nach Moskau und dann nach Riga. Als wir das Rote Tor passierten, zitterte ich am ganzen Körper. Unser Gott, der alles in seiner Hand hält, hat uns geführt. Wir schafften es nach Kanada! Es war nur seine Gnade von der wir geleitet wurden, das wußten wir mit Sicherheit. Wieviele von unseren Freunden und Verwandten mussten zurück bleiben. Wir sahen unsere Eltern nie wieder. Meine Mutter starb im Alter von 72 Jahren. Meine Frau und ich danken fortwährend Gott, dass er uns aus diesem Land des Terrors brachte.

Im November 1926 landeten wir in Kanada und kamen nach Colonsay, Saskatchewan. Mein Bruder Johann und seine Familie lebten dort. Sein Schwager Janz, Bruder seiner Frau Maria, kam auch um diese Zeit an. Er nahm zwei Immigrantenfamilien bei sich auf. Es gab viel Schnee und es war sehr kalt. Wenn wir in Kanada ankamen hatte ich 50 Cent in meiner Tasche. Dann kam ein Farmer auf Pferdeschlitten quer über die Prärie und brachte uns "Russländern" einen 100-Pfund-Sack Mehl. Bald kam ein anderer mit einem großen geräuchertem Schinken. Können Sie sich vorstellen wie uns das aufmunterte?

Mein Bruder Peter und seine Frau kamen auch nach Kanada. Genau zwei Monate später hat das Mennonitische Kommitee für Immigration eine Farm für unsere drei Familien gefunden, in Osage, Saskatchewan. Mr. Mitchell, der Besitzer, hatte zwei Farmen. Vier Landteile mit einer Größe von 400 acre (1 acre = 40.47 ha), und ein Stück mit 540 acre. Die 400 acre waren noch gar nicht bearbeitet worden und lagen etwa zwei Meilen weg. Der Besitzer wollte ein Haus für uns bauen. Er stellte das Baumaterial und Arbeiter zur Verfügung. Dieses erste Jahr lebten alle drei Familien zusammen in einem Haus. Was immer zwei von ihnen entschieden zu tun, die dritte musste sich dem beugen. Am Ende des Jahres zog Janz zu einem anderen Ort. Meine Frau und ich zogen auf die 400 acre, die etwa acht Meilen von der Stadt Osage liegen. Die Bedingungen des Kaufs von dieser Farm waren ziemlich hart. Wir mussten die Hälfte der Ernte als Zahlung abgeben. Insbesondere wenn die Ernte gut war und wir eine Menge Getreide verkauften, mussten wir mehr als die Hälfte abgeben. Wir mussten uns bei unseren Ausgaben stark einschränken. Insgesamt lebten wir auf der Farm sieben Jahre.

Wir konnten kaum etwas für unsere Hypothek bezahlen, da die Hälfte unseres Einkommens an den Besitzer ging. Wir fingen an eine andere Farm zu suchen und Gott führte uns zu einer Homestead Farm. Sie befand sich in Nordsaskatchewan an einem Ort namens Fairholme. Hier bauten die Leute eine Mennoniten-Brüder-Kirche aus Baumstämmen. Wir waren glücklich über diese Art von Gemeinschaft. Wir mieteten ein dünnwändiges Blockhaus und erlebten einen strengen Winter. aber wir hatten einen guten Holzofen, den wir das ganze Winter hindurch mit Holz befüllen mussten. Aber die Kameradschaft in der Kirche war sehr warmherzig und wir danken Gott bis zum heutigen Tag für unsere lieben Freunde. In Osage mieteten wir einen Eisenbahnwaggon. An einem Ende stellten wir unsere Kuh und vier Pfrede, an dem anderen Ende packten wir unsere Möbel und Gerätschaften. Alles erreichte wohlbehalten das Ziel und wir waren bereit für einen neuen Anfang. Wir haben diese Homestead-Farm für 200 Dollar pro Jahr gepachtet. Sie bestand aus 100 acre. Wir nutzten 90 von diesen für das Heu und säten Weizen auf den anderen 10.

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Irgenwann musste der Frühling kommen. Wir lasen in der Rundschau, dass die M.B. Gemeinde in Coaldale beschloß dass kein Mitglied von der staatlichen Wohlfart leben sollte. Sie wollten stattdessen einander helfen, so dass die Mennoniten keine schlechte Reputation bei der Regierung hatten. Mein Bruder Johann, und seine Familie mit 11 Kindern, und unsere Familie mit 5 Töchtern beschlossen nach Coaldale zu gehen. Johann sagte sie hätten kein Geld mit dem Zug zu fahren, so fuhren wir auf den Pferden. Wir wollten nicht sie alleine fahren zu lassen. Die Fahrt von Fairholme in Saskatchewan nach Coaldale in Alberta dauerte von Mitte Mai bis Mitte Juni, 1935.

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Die Gemeinschaft in der Gemeinde war sehr gut. Wir möchten insbesondere unseren Anführer, lieben Bruder Benjamin Janz, würdigen. Mennoniten aus allen Gebieten Russlands siedelten in Coaldale.