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06.02.2005

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Amerika

Als erste größere Siedlung der Deutschen in Nordamerika wurde 1683 Germantown in Pennsylvania auch von den Mennoniten mitgegründet. Sie stammten urprünglich aus der Schweiz und hatten in der Pfalz zeitweilig Zuflucht gefunden. Im Laufe des 18. Jahrhunderts kamen immer mehr Mennoniten schweizerischen Ursprungs nach Amerika. Nach dem Unabhängigkeitskrieg zog ein Teil der amerikanischen Mennoniten nach Ontario in Kanada. Die ersten russlanddeutschen Mennoniten kamen in den Jahren nach 1874 nach Amerika. Die Auswanderung aus Russland erfolgte hauptsächlich wegen der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Russland. Obwohl es schliesslich doch zu einem Kompromiss kam - die Mennoniten konnten einen Ersatzdienst ableisten - sahen viele Mennoniten die versprochenen Privilegien gebrochen. Etwa ein Drittel der damaligen mennonitischen Bevölkerung Russlands wanderte aus. In Kanada wurde den Mennoniten die Befreiung vom Wehrdienst versprochen, die schon für die vorher bestehenden mennonitischen Gemeinden galt. In den USA lag die Entscheidung darüber in den Händen der einzelnen Staatenregierungen, die Bundesregierung konnte deshalb so ein Versprechen nicht geben. Außerdem konnten die Mennoniten in Kanada wieder ihre gewohnten Blocksiedlungen bilden, was in den USA nicht unbedingt der Fall war. Wegen des milderen Klimas und besserer wirtschaftlichen Aussichten zog trotzdem der größere Teil der Auswanderer in die USA, hauptsächlich nach Kansas und Nebraska. In Kanada reservierte die kanadische Regierung zwei Landreserven in Manitoba: die West- und Ostreserve. Später zogen die Siedler auch nach Sascatchewan.

Zur nächsten Einwanderungswelle aus Russland kam es in den 1920-ern, wobei diese für unser Projekt am interessantesten ist. Während des 1. Weltkriegs kam es in Russland zu einer starken Deutschenfeindlichkeit. Ein Folge davon war auch das Gesetz über die Enteignung des russlanddeutsches Landbesitzes am 2. Februar 1915. Dieses wurde nur sehr schleppend in die Tat umgesetzt. Gerettet wurden die Deutschen durch die März-Revolution 1917 - die neue Regierung hob das Gesetz auf. Im Oktober 1917 kam dann die bolschewistische Regierung an die Macht. Als ein taktisches Manöver erlaubte sie den Bauern den Privatbesitz in den Gemeindebesitz zu überführen (innerhalb der tradionellen russischen Gemeinden wurde das Land auf jede Familie gerecht verteilt). Davon wurden auch die mennonitischen Gutsbesitzer betroffen. Als der größte Landbesitzer wäre davon auch Heinrich Reimer betroffen, er hat aber sein Land vorher verkauft.

Nach ihrer Machtübernahme errichteten die Bolschewiki eine Terrorherrschaft. Während einer kurzen Phase wurde der private Handel verboten und die Bauern mussten das meiste Getreide bei der Regierung abliefern. Nach einer Missernte 1921 kam es dadurch im ganzen Land zu einer großen Hungersnot, die nur durch die Auslandshilfe gemildert werden konnte. Auch nach dem Übergang zu einer mehr marktwirtschaftlichen Politik behielt die Regierung ihren harten Kurs bei. Die Bauern konnten zwar nun wieder wirtschaften wie bisher, aber für die Kaufleute und Grossgrundbesitzer war es aus, die meisten sind wohl während oder kurz nach dem Bürgerkrieg 1918-1921 geflohen. Der stärkste Nachteil für die Mennoniten war aber die Behinderung der Religion, so wurde die Religion in der Schule verboten, die Prediger verfolgt und es wurde eine starke atheistische Propaganda betrieben. Viele Lehrer wurden durch junge russische Lehrer ersetzt und sahen deshalb in Russland keine Zukunft mehr.

Aus all diesen Gründen wollten viele Mennoniten auswandern. Allein aus Neu Samara sind in den Jahren 1923-1926  ca. 700 Personen ausgewandert. Insgesamt sind in diesen Jahren etwa 22.000 Mennoniten nach Kanada gezogen. In den USA wurde zu dieser Zeit eine sehr restriktive Einwanderungspolitik für die Einwanderer aus Osteuropa betrieben. Deutschland hatte zu dieser Zeit große wirtschaftliche Schwierigkeiten, zudem hatte es Interessen in der Sowjetunion und wollte deshalb die dortige Regierung nicht verärgern. Als Auswanderungsziel blieb damit nur Kanada.

Ein weiteres Problem war die Finanzierung der Ausreise - viele Familien konnten es sich nicht leisten. Deshalb wendete sich die Kanadische Mennonitische Kommission für Kolonisation (Canadian Mennonite Board of Colonisation) an Canadian Pacific Railway Company, eine Eisenbahngesellschaft, die auch eigene Schiffe besaß, mit der Bitte die mennonitischen Einwanderer auf Kredit von Russland nach Kanada zu bringen. Die C.P.R. war damit einverstanden, einer der Gründe muss wohl das Interesse an der weiteren Besiedlung der westlichen Gebiete Kanadas gewesen sein, womit es neue Kunden gewann. Die Mennoniten waren als tüchtige Landwirte und vertrauenswürdige Geschäftskunden bekannt. Insgesamt brachte die C.P.R. in den Jahren 1923-1930 über 21.000 Personen, die meisten davon auf Kredit, nach Kanada.

Die Auswanderer mussten sich erst in Moskau die Pässe besorgen, diese wurden mit der Zeit immer teurer, bis schließlich keine mehr ausgestellt wurden. Der Weg für die Auswanderer aus Neu Samara führte sie erst auf Pferdewagen nach Sorotschinsk, zum Bahnhof. Von wo sie dann mit dem Zug über Moskau nach Riga in Lettland reisten. Dort mussten Gesundheitskontrollen durchgeführt werden, denn nur Gesunde durften nach Kanada einwandern. Von dort fuhren sie mit einem Schiff nach England, wo sie dann mit einem C.P.R.-Dampfer von South Hampton nach Quebec in Kanada gebracht wurden. In Kanada fuhren sie dann zu ihren neuen Wohnorten mit der Eisenbahn.

Die Kanadische Mennonitische Kommission für Kolonisation bemühte sich für die Einwanderer neue Siedlungsmöglichkeiten zu finden. Die meisten mennonitischen Einwanderer wollten wie in ihrer alten Heimat wieder Landwirtschaft betreiben. Dies wurde durch die bald einsetzende Weltwirtschaftskrise erschwert. Anfang der 1920-er gab es zwischen der kanadischen Regierung und den schon 1874 eingewanderten Mennoniten einen Streit wegen den Schulen. Ein Teil wanderte deshalb nach Südamerika aus, damit wurden für die neuen Einwanderer einige Plätze frei. Die meisten aber, auch aus Neu Samara, wurden über ganz Kanada verstreut. Nach den mir bekannten Informationen aus dem Buch "Neu Samara am Tock" haben nur kleine Gruppen an einer Stelle gesiedelt, so z.B. in Crowfoot und später in Lindbrook in Alberta. Andere Orte waren Coaldale Alberta, Abbosford and Clearwater British Columbia, Dalmeny Saskatchewan. Es gab nach 1947 immer wieder Neu-Samara-Sängerfeste in Yarrow, British Columbia, unter der Leitung von George Reimer, Sohn des langjährigen Dirigenten Gerhard Reimer aus Lugowsk. 1936 gab es einen großen Neu-Samara-Fest in Manitoba (über diese Feste suchen wir nach mehr Informationen).

Ende der 1920-er kam die Auswanderung durch Verbote der sowjetischen Regierung zum Stehen. Gleichzeitig begann die gewaltsame Kollektivierung mit der Wegnahme von Vieh und Land. Viele sahen nun was sie verpasst haben. Als es 1929 zu Gerüchten kam, dass einige Familien die Auswanderungserlaubnis erhielten, sammelten sich in Moskau mehrere Tausend Menschen an, unter ihnen viele Mennoniten, auch aus Neu Samara. Schließlich wurde etwa 6.000 Mennoniten die Ausreise nach Deutschland erlaubt. Für sie hat sich insbesondere Benjamin H. Unruh eingesetzt, der zu dieser Zeit schon in Deutschland lebte. Durch seine Bemühungen kam es zu reichlichen Spenden für diese Flüchtlinge. Sie wurden in die Flüchtlingslager in Mölln und Prenzlau gebracht. Deutschland nahm sie aber nur vorübergehend auf. Die neue konservative kanadische Regierung verweigerte zunächst die Einreise, schließlich durften 1.344 nach Kanada auswandern. 306 konnten in Deutschland bleiben. Nach Brasilien kamen 2.533 und nach Paraguay 1.572. Von diesen sind dann wohl einige nach dem 2. Weltkrieg in die USA und nach Kanada ausgewandert. Bei den nach Südamerika ausgewanderten Personen sind auch viele aus Neu Samara dabei gewesen.

Die anderen in Moskau gebliebenen Flüchtlinge sind von der Polizei in Waggons zusammengetrieben worden und wurden nach Sibirien geschickt. Ich habe von einer Familie aus Neu Samara gehört, die auch in so einem Zug saß, als der Zug in Buguruslan anhielt, etwa 100 km nordwestlich von Neu Samara, sind sie heimlich ausgestiegen und haben noch nach Hause geschafft. Später wurde dies natürlich von den Menschen verheimlicht, genauso wie die Tatsache, dass man Verwandte im Ausland hatte - dies konnte während der Stalinschen Herrschaft sehr gefährlich werden, man wurde gleich als ausländischer Spion verdächtigt, wenn man Post aus dem Ausland bekam. Erst nach Stalins Tod 1953 kam es langsam wieder zu einem Briefwechsel zwischen den ausgewanderten Familien und den in Neu Samara gebliebenen.