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22.01.2005

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Atombombentest in Tozkoje 1954

von Dietrich Tissen

1954 fand auf dem Truppenübungsgelände in der Nähe von Tozkoje ein Atombombenversuch statt, der Explosionsort lag nur 50-60 km Neu Samara enfernt. Zum einen sollten weitere Erfahrungen mit Atombombentests gesammelt werden, zusätzlich sollte gleichzeitig eine Heeresübung durchgeführt werden, um die Soldaten für einen taktischen Atombombenabwurf zu schulen. Man hat sich damals noch vorgestellt, dass die Atombomben als taktische Waffe, ähnlich wie die Artillerie, eingesetzt werden könnten. Nach der erfolgten Atombombenexplosion sollte das Gelände von den Soldaten besetzt werden.Auch die Amerikaner haben damals mehrere Versuche dieser Art durchgeführt.

 Atombombenexplosion

Die Durchführung

Insgesamt haben an der Übung 45.000 Soldaten aus verschiedenen Heeresteilen teilgenommen. Dazu kamen noch 600 Panzer, 500 Kanonen und Minenwerfer, 320 Flugzeuge und 6000 Kraftfahrzeuge. Als hochgestellte Persönlichkeiten haben Marschale G.K. Schukow, A.M. Wasslewskij, K.K. Rokossowskij, I.S. Konew beobachtet, desweiteren waren noch der Generalsekretär Nikita Chruschtschow, der Verteidigungsminister N.A. Bulganin und der Atomforscher I.W. Kurtschatow anwesend.

Das Atomtestgelände sollte so ausgewählt, dass es dem voraussichtlichem Einsatzort in Deutschland ähnlich ist, d.h. es sollte eine hügelige, waldreiche Landschaft sein. Die vorherigen Versuche hat man meistens in der wüstenartigen Region in der Nähe von Semipalatinsk (heute Kasachstan) durchgeführt. Nach "sorgfältiger" Untersuchung hat man das Polygongelände in Tozkoje ausgewählt. Dieses wurde schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als Militärlager und Truppenübungsgelände genutzt.

Nach mehrtägigen Vorbereitungen, unter anderem wurden etwa 380 km Schutzgräben gegraben, sollte die Übung am 14 September 1954 stattfinden. Obwohl es anfangs fast Windstille gab, wurde der Wind in nordöstliche Richtung immer stärker. Es war aber noch im Rahmen des Erlaubten als das Trägerflugzeug startete. Um 9.00 Uhr erreichte der Wind die Geschwindigkeit von 20 m/s. Um 9.33 Uhr wurde aus einer Höhe von 8.000 m die Atombombe abgeworfen und etwa 45 Sekunden später auf der Höhe von 350 m gezündet. Die verwendete Atombombe hatte eine Stärke von 40 Kilotonnen TNT (etwa das 2-3 Fache der Hiroshimabombe). 5 Minuten nach der Explosion fing man an den Explosionsort mit Artillerie und Flugzeugen zu bombardieren. Nach der Abgrenzung der radioaktiven Zonen, etwa 3 Stunden nach der Explosion, marschierten dann von zwei Seiten die Soldaten auf Panzerfahrzeugen ein, sie sollten die Einnahme des feindlichen Gebietes nach der Atombombenexplosion üben.

Die Folgen

Auf eine Entfernung von 300 m vom Epizentrum brannte die Erde völlig aus. Auch in der weiteren Entfernung sind von den Bäumen fast nur Stümpfe übriggeblieben. Die im Umkreis von etwa 5 km liegenden Dörfer Machowka, Olchowka und Jelschanka sind verbrannt ( die Einwohner sind vorher evakuirt worden).

Fast alle Soldaten, die an der Übung teilgenommen hatten, hatten gesundheitliche Folgen zu tragen. Viele sind später an Krebs gestorben. Diejenige, die ganz starke Dosis abbekommen hatten, sind noch im Militärlager in Tozkoje an der Strahlenkrankheit gestorben.

Nun zur Wirkung auf die Neu Samara Siedlung. Wie schon erwähnt herrschte vor der Explosion ein starker Wind, dieser wehte nach der Explosion, die bis in eine Höhe von 12-15 km aufgestiegenen Spaltprodukte und die Staubwolke weg vom Explosionsort. Ein grosser Teil des radioaktiven Materials ist auf einem Gebiet von etwa 210 km länge niedergegangen. Die Achse dieses Gebiets verlief etwa vom Dorf Machowka über Jaschkino und Starobogdanowka im Krasnogwardejskij Rajon, und dann über Roschdestwenka im Alexandrowskij Rajon. Der Rest ist über ein weites Gebiet verstreut worden: sogar bis nach Krasnojarsk und Nowosibirsk, Tausende Kilometer von der Explosion entfernt.

Wenn man es also auf der Karte der Neu Samara Siedlung betrachtet, müssen die im Süden und Osten liegenden Dörfer am meisten von dem radioaktiven Niederschlag betroffen sein, also Kuterlja, Kaltan, Klinok, Jugowka, Klinok und Krassikowo. Letztlich müssen aber alle Dörfer was davon abgekriegt haben, da der radioaktive Staub später vom Wind auch an andere Orte verweht wurde. Eine Augenzeugin aus Kuterlja berichtet: Alle Frauen unseres Dorfes waren mit der Wassermelonenernte auf dem Felde beschäftigt, plötzlich wurden die Augen durch ein helles Licht für einen Augenblick geblendet. Ein dumpfer Knall schallte und alle Frauen richteten ihre Blicke dem Westen zu. Da stieg ein großer, schwarzer Pilz empor, hoch hinauf zum Himmel. ,,Die Atombombe, die Atombombe!" riefen alle durcheinander. Ein starker Wind wehte Blätter, Äste, Karten, Fetzen übers Wassermelonenfeld. Wir staunten alle über das große Wunder dessen Augenzeugen wir jetzt waren. Einem großen Eichenblatt wollte ich damals nachjagen, denn Eichen gab es bei uns nicht. ,,Lass das liegen, wir wissen nicht womit es besudelt ist!" rief Helene Schröder mir zu. Ich befolgte ihren Rat. Die hohe Säule verschwand allmählich und wir machten uns wieder an die Arbeit. (Aus "Neu Samara am Tock", "Kuterlja von 1892-1992 Erinnerungen an auserwählte Verstorbene auf dem Friedhof" von Katharina Nachtigal, geb. Unger, von mir gekürzt). Man konnte also noch in einer Entfernung von etwa 50 km die Explosion hören und sehen. Bemerkenswert ist auch die Erwähnung  der Eichenblätter, am Explosionort wuchsen viele Eichen, die Blätter müssen also von dort stammen.

Die gesundheitlichen Folgen auf die betroffenen Dorfbewohner sind von den offiziellen Stellen nie untersucht worden. Man weiß aber, dass viele später an Krebs erkrankt sind. So schreibt auch die oben erwähnte Katharina Nachtigal, dass viele aus Kuterlja an Krebs gestorben sind, möglicherweise als Folge dieses Atomsversuchs. 1997 wurde ein Buch über die Folgen der Atombombenexplosion in Tozkoje auf die Umwelt und die Menschen im Orenburger Gebiet veröffentlicht. Die von der Regierung unabhängigen Authoren haben Anfang der 90-er eine Untersuchung mit verschiedenen Methoden durchgeführt. Man hat eine erhöhte Rate von Krebserkrankungen in dem vom radioaktiven Niederschlag betroffenen Gebiet festgestellt. Desweiteren kann man von einer Schädigung des Erbguts ausgehen, was sich auf die Nachkommen auswirken wird.